Gott kommt uns nahe
Weihnachtsgedanken von Maria Horsel
Gott kommt uns nahe
Es gibt Tage, da liegt das Leben schwer auf den Schultern.
Wir hören die Nachrichten und sehen Krieg, Gewalt, Hass. Gespräche drehen sich um Sorgen, um Unsicherheit, um die Frage: Was kommt da noch auf uns zu? Und auch in meinem eigenen Leben gibt es diese Zeiten, in denen mehr offenbleibt, als sich erklären lässt. Da spüre ich: Diese Welt ist zerbrechlich. Und ich bin es auch.
Und mitten hinein feiern wir Weihnachten. Wie passt das zusammen?
Weihnachten setzt genau hier an. Es flüchtet nicht vor der Wirklichkeit. Es geht mitten hinein. Weihnachten ist keine schöne Illusion. Es ist eine tiefe, tröstliche Realität: Gott bleibt nicht fern. Er kommt mir nahe. Er wird Mensch. Nicht groß und mächtig, sondern klein, verletzlich, als Kind.
Wenn Gott wirklich Mensch wird, dann ist kein Ort ausgeschlossen. Nicht der Stall von Bethlehem. Nicht das Krankenzimmer. Nicht der Küchentisch mit den unbezahlten Rechnungen. Nicht das Schweigen zwischen Menschen, die sich eigentlich viel zu sagen hätten. Mein Leben ist mehr als das, was sichtbar ist. Es hat Tiefe. Und Gott ist darin gegenwärtig.
Ich kenne diese Momente nur zu gut: Spannungen in der Familie, Sorgen um die eigene Gesundheit, um die Zukunft, zerbrochene Beziehungen, Einsamkeit, Trauer um jemanden, der fehlt. Gerade an Weihnachten wird all das oft besonders spürbar. Weihnachten verspricht nicht, dass diese Lasten einfach verschwinden. Aber es schenkt meinem Leben etwas Entscheidendes: die Gewissheit, dass Gott mitten darin da ist. Still. Treu. Nah. Tragend.
Wie gut, dass wir auch in diesem Jahr Weihnachten feiern – in einem so friedlosen Jahr. Wir brauchen diese Botschaft. Wir brauchen sie dringender denn je: Gott wird Mensch. Wir brauchen den Heiland. Den, der heil macht. Einen, der nicht wegschaut, sondern Wunden berührt. Der Zerbrochenes nicht verurteilt, sondern aufrichtet. Der heilt, was verletzt ist – in meinem Leben und in dieser Welt.
Und dieser Heiland kommt.
Nicht laut. Nicht mit Macht.
Er kommt leise. Unaufdringlich. Als verletzliches Kind.
Gerade so beginnt Heilung. Gerade so wächst Hoffnung.
Mit seiner Nähe beginnt etwas Neues. Kein schneller Friede. Kein lauter. Sondern ein Friede, der leise wächst. Einer, der in mir beginnt. Der trägt, wenn es schwer ist. Der der Hoffnungslosigkeit widerspricht. Und der mich daran erinnert: Gewalt und Hass haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat Gottes Liebe.
Ich muss dieses Geheimnis nicht ganz verstehen. Mir genügt diese Gewissheit: Mein Leben ist mehr als seine Brüche. Es hat eine weitere Dimension. Gottes Dimension.
Weihnachten öffnet diesen Raum.
Einen Raum zum Aufatmen.
Einen Raum, in dem das Unvollkommene bleiben darf.
Und das Schwere nicht das letzte Wort hat.
Das ist das größte Geschenk von Weihnachten: nicht unterzugehen, sondern darauf zu vertrauen, dass ich gehalten bin. Dass Gott mein Leben trägt – so zerbrechlich und unvollendet es auch ist.
Gott ist da.
Leise und nah.
Und er geht mit.
Ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest.
Maria Horsel, Leiterin Katholische Region An der Lahn